Manifest der Großzügigkeit: Wie Deutschland die Welt rettet – mit Steuergeld und Stil
🛫 Manifest der Großzügigkeit: Wie Deutschland die Welt rettet – mit Steuergeld und Stil
Vorbemerkung:
Wir, die stolzen Zahler der deutschen Steuer, erklären feierlich,
dass wir mit jedem Cent, der uns vom Bruttolohn entrissen wird,
nicht etwa unsere maroden Schulen,
kaputten Autobahnen oder überlasteten Krankenhäuser finanzieren – nein!
Wir retten die Welt.
Und zwar mit Projekten, die so visionär sind,
dass selbst Kafka sie für übertrieben gehalten hätte.
§1 Die Mission: Weltrettung mit Formular B17
Deutschland hat eine heilige Pflicht: Die Welt zu verbessern.
Und wie tut man das am besten?
Mit Projekten, die in Berlin beschlossen,
in Brüssel genehmigt und in Burkina Faso nie umgesetzt werden.
Ob es um den Bau eines solarbetriebenen Skateparks in der Sahelzone geht
oder um Gender-Sensibilisierungskurse für mongolische Yak-Hirten – Deutschland ist da.
Mit Geld. Mit PowerPoint. Mit Broschüren in dreizehn Sprachen.
§2 Die Projektarten: Von Brunnen bis Bienen
Die Vielfalt deutscher Auslandsprojekte ist atemberaubend.
Eine kleine Auswahl:
• Brunnenbau in Regionen mit Wassermangel,
bei denen der Brunnen nach Fertigstellung direkt neben einem Fluss steht.
• Workshops zur Mülltrennung in Ländern ohne Müllabfuhr.
• Förderung von Start-ups in Regionen ohne Strom.
• Errichtung von Kulturzentren für indigene Gruppen,
die lieber unter freiem Himmel tanzen.
• Export deutscher Bürokratie,
inklusive Schulung in der korrekten Anwendung von Stempel A38.
Diese Projekte sind nicht nur teuer, sondern auch maximal sinnlos.
Und genau das macht sie so deutsch.
§3 Die Projektleiter: Missionare mit Masterabschluss
Wer leitet solche Projekte?
Menschen mit Herz, Verstand und einem Master in „Interkultureller Projektmanagement mit Schwerpunkt auf postkolonialer Dekonstruktion“.
Sie reisen mit Rollkoffer, Flipchart und dem festen Glauben,
dass man mit einem gut moderierten Workshop jedes Problem lösen kann – selbst Bürgerkrieg oder Heuschreckenplage.
Sie tragen Leinenhemden, sagen „Danke“ in 17 Sprachen
und haben eine PowerPoint-Präsentation über „nachhaltige Nachhaltigkeit“
immer griffbereit.
Ihre größte Angst: Dass jemand fragt, was das Projekt eigentlich bringt.
§4 Die Zielgruppe: Wer braucht schon Sinn?
Die Zielgruppe deutscher Auslandsprojekte ist vielfältig:
• Regierungen, die das Geld in neue SUVs investieren.
• NGOs, die das Projektgeld in Fortbildungen über Projektgeld investieren.
• Bevölkerungen, die nie erfahren, dass ein Projekt existiert.
• Deutsche Medien, die das Projekt als „Erfolg“ feiern, weil ein Flyer gedruckt wurde.
§5 Die Finanzierung: Ein Fass ohne Boden
Die Finanzierung erfolgt über das heilige Dreieck:
BMZ, EU-Fonds und „Sonstige Töpfe“, deren Herkunft selbst Sherlock Holmes
nicht klären könnte.
Ein Projekt beginnt mit einem Antrag, der 400 Seiten umfasst,
davon 380 Seiten Tabellen mit erfundenen Kennzahlen.
Dann folgt die Genehmigung – meist nach 18 Monaten,
wenn das Problem längst verschwunden oder eskaliert ist.
Die Mittel werden ausgezahlt, aber nie vollständig verwendet.
Der Rest fließt zurück – in neue Projekte.
Ein ewiger Kreislauf der Sinnlosigkeit.
§6 Die Evaluation: Erfolg ist, was man dafür hält
Jedes Projekt wird evaluiert.
Und zwar von Menschen, die das Projekt nie gesehen haben.
Die Evaluation basiert auf Interviews mit Projektleitern, die sagen:
„Es war schwierig, aber wir haben viel gelernt.“
Erfolg wird gemessen in:
• Anzahl der gedruckten Broschüren
• Anzahl der durchgeführten Workshops
• Anzahl der Teilnehmer, die nicht eingeschlafen sind
• Anzahl der Selfies mit lokalen Würdenträgern
§7 Die deutsche Öffentlichkeit: Ahnungslos, aber stolz
Die deutsche Öffentlichkeit weiß nichts von diesen Projekten. Und das ist gut so.
Denn wer würde schon verstehen, warum 2 Millionen Euro in ein Projekt zur
„Förderung von feministischer Fischerei in Peru“ fließen?
Stattdessen wird stolz verkündet: „Deutschland hilft!“
Und das stimmt. Deutschland hilft.
Vor allem der deutschen Projektwirtschaft,
die von diesen Geldern lebt wie ein Koala vom Eukalyptus.
§8 Die Moral: Wir sind die Guten
Am Ende zählt nicht, ob ein Projekt sinnvoll war.
Es zählt, dass wir es gemacht haben.
Denn Deutschland ist nicht nur Exportweltmeister für Autos,
sondern auch für moralische Überlegenheit.
Wir retten die Welt – mit Formularen, Flipcharts und Fördermitteln.
🧨 Epilog: Der große Knall
Und so sitzen wir da, in unserem deutschen Wohnzimmer,
mit tropfender Decke, kaputtem WLAN und einem Bus,
der nie kommt – und lesen in der Zeitung, dass Deutschland ein Projekt zur
„Förderung von nachhaltigem Origami in Togo“ mit 3,4 Millionen Euro unterstützt hat.
Wir lächeln. Denn wir wissen:
Solange irgendwo auf der Welt ein Workshop stattfindet,
in dem jemand lernt,
wie man mit einem deutschen Formular einen deutschen Brunnen beantragt,
ist unsere Steuer gut investiert.
Und wenn der Brunnen nie gebaut wird,
das Origami ausverkauft ist und der Projektleiter
nach Bali zieht – dann war es trotzdem ein Erfolg.
Denn Deutschland hat geliefert.
Mit Stempel.
Mit Stil.
Mit Steuergeld.
Ende. Oder: Antrag auf Folgeprojekt gestellt.
Freie Gedanken von S.E
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